Was kommt nach dem Tod?

 

1 Einführende Gedanken

„Was kommt nach dem Tod?“ - solch‘ eine Frage als Thema eines Seminarabends lässt ja vermuten, dass derjenige, der darüber redet offensichtlich Bescheid weiß, dass er eine Antwort, wenn nicht die Antwort auf diese Frage hat! Aber da muss ich Sie zunächst enttäuschen. Ich habe keine Antwort darauf. Ich möchte Ihnen nur Überlegungen und Ansichten vorstellen und mit Ihnen besprechen, die zu dieser Frage vertreten werden. Ich stelle Ihnen allerdings auch nur die 3 großen Hauptströmungen vor - und zwar mit dem Schwerpunkt - so wie es sich für eine Evangelische Familienbildungsarbeit und in einem Seminar „Grundkurs Evangelische Religionslehre“ gehört, auf der christlichen Vorstellung und der christlichen Hoffnung, die ja im Apostolischen Glaubensbekenntnis so formuliert ist: „Ich glaube an den Heiligen Geist ... die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Ich wage vorneweg die These:, Viele sprechen diesen Satz im Gottesdienst dies mit und verbinden damit eine ganz andere Vorstellung, als sie in der Bibel und im urchristlichen Kontext gemeint war.

 

1.1 Die Unbeweisbarkeit der Antworten auf die Frage „Was kommt nach dem Tod?“

Nun: Es gibt Menschen, die sagen, sie „wüssten“ die Antwort auf diese Frage „Was kommt nach dem Tod!“. Und manche gehen gar so weit, zu behaupten, sie könnten beweisen, dass ihre Vorstellung stimmt. Sie werden wohl alle schon von sog. „Nah-Tod-Erlebnissen“ gehört haben, also von Erlebnissen, die Menschen erzählen, die bereits einmal klinisch tot waren, jedoch wieder reanimiert wurden. Sie erzählen fast durchweg von schönen, angenehmen Erfahrungen, von Licht, Wärme und dem Übergang in einen anderen Bereich. Sie erlebten diesen Übergang als Befreiung. Auch wenn sehr viele Berichte Großen und Ganzen übereinstimmen - ist das m.E. kein Beweis.

Denn es gilt grundsätzlich, was der griechische Philosoph Epikur schon vor 2300 Jahren gesagt hat:

Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an;

denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da;

wenn er aber da ist, so existieren wir nicht mehr

Es ist eben noch kein „Normal Sterblicher“ aus dem endgültigen Tod zurückgekehrt. Deshalb können darüber auch keine beweisbaren Aussagen gemacht werden.

Andererseits irrt Epikur, wenn er meint, dass der Tod uns nichts anginge. Ob wir wollen oder nicht - jeder Mensch muss sich damit auseinandersetzen. Jede und jeder muss sterben - früher oder später. Niemand kommt am Sterben vorbei.

Erich Fried, ein Dichter unserer Zeit hat dies provozierend so ausgedrückt:

Ein Hund

der stirbt

und der weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

und der sagen kann

dass er weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

ist ein Mensch.

 

Der Mensch weiß also, dass er sterben muss und er kann dies - im Unterschied zum Hund - sogar ausdrücken.

1.2 Der Lebensbezug und die Auswirkungen auf die Gestaltung des irdischen Lebens, die sich durch eine Beantwortung der Frage „Was kommt nach dem Tod?“ ergeben

Ich behaupte noch mehr: Der Mensch lebt und gestaltet sein Leben so, wie er mit diesem Wissen um sein eigenes Sterbenmüssen umgeht.

Je nachdem, wie mir (bewusst oder unbewusst!!) vorstelle, was nach dem Tod kommt, gestalte ich mein Leben entwickle eine Sicht meiner selbst und der anderen Menschen.

Und umgekehrt:

Wie ich mein Leben führe und gestalte und wie ich mich selbst und die anderen Menschen sehe, verrät etwas darüber, was ich erwarte, was nach dem Tod kommt.

Die Beantwortung der Frage: „Was kommt nach dem Tod“ ist also reine - letztlich überflüssige- Spekulation, sondern hat ganz konkrete und reale Auswirkungen im Leben jedes Menschen.

Um schon etwas konkret zu werden:

Wenn Erich Fried sagt, dass der Mensch wie ein Hund stirbt, dann kann dies einiges für ein Menschenleben besagen: Ein Hund verendet und verwest. Nichts bleibt übrig. Er hat vielleicht nur seine Pflicht und Schuldigkeit gegenüber seinem „Herrchen“ - wer immer dies auch sein mag - getan. Oder ein Hund wird von einem Auto ohne Vorwarnung überfahren. Wer darum weiß - muss er sich davor - schon in jungen Jahren - in Acht nehmen und in sein Leben entsprechende Sicherheitsvorkehrungen einbauen.

Oder: Ein Hund erhält von seinem Herrchen das Gnadenbrot und wird zum Schluss eingeschläfert. Geht es mir als Mensch im Alter auch so? Wie soll mein Alter aussehen?

2 Die materialistische Position

Dieser Zusammenhang zwischen der Antwort auf die Fragen „Was kommt nach dem Tod?“ und die eigene Lebenseinstellung bzw. Lebensführung wird am deutlichsten bei der ersten Antwortmöglichkeit: Die Position der Materialisten. Sie werden diese alle kennen.

2.1 Darstellung

Ich möchte sie an einem Gedicht von Bertolt Brecht verdeutlichen. Es ist überschrieben: Gegen Verführung

Laßt euch nicht verführen!

Es gibt keine Wiederkehr.

Der Tag steht in den Türen;

Ihr könnt schon Nachtwind spüren:

Es kommt kein Morgen mehr.

 

Laßt euch nicht betrügen!

Das Leben wenig ist.

Schlürft es in schnellen Zügen!

Es wird euch nicht genügen,

wenn ihr es lassen müßt!

 

Laßt euch nicht vertrösten!

Ihr habt nicht zuviel Zeit!

Laßt Moder den Erlösten!

Das Leben ist am größten:

Es steht nicht mehr bereit.

 

Laßt euch nicht verführen

Zu Fron und Ausgezehr!

Was kann euch Angst noch rühren?

Ihr sterbt mit allen Tieren

Und es kommt nichts nachher.

Die Hauptaussage ist sofort verständlich: Nach dem Tod kommt nichts. Es kommt nichts nachher. Es gibt keine Wiederkehr. Ihr Menschen sterbt mit allen Tieren. Der Mensch ist letztlich nur eine Zusammenballung von Materie, eine Zusammensetzung von Atomen, die im Tod zerfallen. Der Mensch ist nicht mehr als sein Körper und dieser verwest im Tod. Aus! Schluß! Basta!

Alle anderen Ansichten sind reine Vertröstung und damit eine unzulässige Verführung der Menschen.

2.2 Auswirkung auf die Gestaltung des irdischen Lebens

Das hat nun aber Folgen für das irdische Leben: Dieses ist am größten. Deshalb soll man es wie guten Wein genießen: schlürft es in vollen Zügen. Man lebt ja nur einmal. Es gilt das Leben mit all‘ seinen Chancen und Angeboten auszukosten.

Dazu ist Widerstand angesagt gegen alle Menschen, die dies verhindern wollen, indem sie andere ausnutzen, in ihren Frondienst nehmen und sie „auszehren“.

Diese Einstellung entspricht wohl derjenigen der Mehrheit unserer heutigen Zeitgenossen.

Doch eine kritische Zwischenfrage muss hier schon erlaubt sein: Führt dies nicht zwangsläufig zu einem Handeln rein nach dem Lustprinzip, zu einem Egoismus, der stets nur auf die eigenen Kosten zu kommen sucht? Wenn dies der Fall ist, muss m.E. einer solchen Einstellung schon um eines geordneten und sozialen Miteinanders unter Menschen widersprochen werden. Im Sinne B. Brechts ist solch‘ eine Einstellung sicher nicht. Er wollte ein menschliches, humanes Zusammenleben.

Doch: Wie lässt sich Humanität begründen, wenn der Mensch wie ein Tier stirbt und nach dem Tod nichts kommt? Im Tierreich gilt ja schließlich „Fressen und Gefressenwerden“?

Es erübrigt sich zu sagen, dass diese materialistische Position mit der christlichen Hoffnung nicht zu vereinbaren ist.

Und dennoch bleibt die Anfrage von dieser Position an alle anderen positiven Antworten auf die Frage „Was kommt nach dem Tod?“: Sind solche Antworten, die ein wie auch immer geartetes Weiterexistieren der Menschen über den Tod hinaus behaupten oder glauben - sind sie nicht einfach nur Wunschphantasien? Sind sie nicht nur billige Vertröstung für die im Leben Zukurzgekommenen? Dienen sie nicht häufig nur dazu, konkrete Missstände nicht zu beheben, eingeschränkte Lebensmöglichkeiten von Menschen nicht zu verbessern, sondern sie mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits abzulenken?

Trifft dieser Vorwurf die christliche Hoffnung? Wie sieht diese denn eigentlich aus?

 

3 Zwischenschritt

  • Ermittlung des Vorverständnisses der christlichen Vorstellung im Gespräch anhand von Bildern

Ich zeige Ihnen 3 Bilder: Von Hieronymus Bosch, Der Aufstieg ins himmlische Paradies, Die Trennung von Leib und Seele aus Rosarum Philosophorum (ev. alten Text kurz vorlesen), sowie die Begräbnisszene mit dem Kampf um die Seele einer Verstorbenen). Bitte schauen sie sich diese an und sprechen vielleicht mit Ihrem Nachbarn kurz über die folgenden Fragen:

  • Welche Vorstellung ist am weitesten und am häufigsten unter Christen verbreitet?
  • Welches Bild entspricht am ehesten der Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses?
  • Kurzer Austausch

Am meisten verbreitet im Christentum ist wohl immer noch die Vorstellung, dass sich die Seele im Tod vom Leib trennt und das irdische Dasein verlässt.

Es muss doch etwas „Bleibendes“ am Menschen geben! Etwas, das den Tod überdauert.

Der Körper kann es nicht sein - das ist klar. Aber wir Menschen haben ja nicht nur einen Körper, wir können denken, wir können fühlen, wir wollen etwas, z.B. glücklich sein. Das ist das Wesentliche am Menschen, das was ihn - im Unterschied zu den Tieren - einzigartig macht. Damit überschreitet der Mensch seine biologische, körperliche Grundlage immer wieder. Äußert sich darin nicht so etwas wie ein „Seele“, eine „geistige Seele“? Diese sogenannte „Seele“ (die mehr umfasst und z.T. auch anders geartet ist als das, was heute in der Psychologie und Psychotherapie unter Seele oder Psyche verstanden wird!! z.B. Unbewusstes, Emotionen, Verhaltensmuster usw.) zeichnet den Menschen aus. Sie ist das „Eigentliche“ am Menschen.

4 Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele

4.1 Die platonische Philosophie

Diese Vorstellung entstammt jedoch nicht der Bibel, sondern ist 400 Jahre vor Jesu Geburt im antiken Griechenland durch den großen Philosophen Platon philosophisch und logisch zusammenhängend entwickelt und ausgeführt worden. In der literarischen Form des Dialogs, also des Zwiegesprächs entwickelt Platon häufig seine Vorstellungen. Im Dialog „Phaidon“ denkt er auch über das Schicksal der Seele nach.

  • ev. lesen: Seite 4 Reader u. anschließend interpretieren

Die Seele ist demnach das Ebenbild des Göttlichen und Vernünftigen, also dessen, was bleibt, während der Leib zum Menschlichen und (sic!) Unvernünftigen gehört. Es ist somit logisch, dass die Seele im Unterschied zum Leib im Tod nicht ganz zunichte wird.

Was geschieht mit ihr? Sie kehrt dorthin zurück, woher sie gekommen ist - aus der reine Welt des Göttlichen, des Geistes und der Vernunft, ins „Reich der Ideen“ - wie es Platon nennt. Dort kann sie dem Idealen und Wahren sich hingeben, das sie zwar irdisch schon wollte, aber aufgrund ihrer leiblichen und irdischen Beschränktheit nie konnte!

Im göttlichen, ewigen Reich der Vernunft ... „darf sie sich ihres Heiles freuen, erlöst vom Irrtum, von der Sinnlosigkeit, der Angst, der wilden Liebe und allen Übeln, und dort lebt sie .. mit den Göttern.“

Wer solches denkt und glaubt, der hat eine besondere Einstellung zum eigenen Sterben und zum Tod und auch zum Leben.

Die Einstellung zum Sterben, die aus solch einem Glauben an die „unsterbliche Seele“ entspringt, hat Platon beispielhaft in seiner Schilderung des Todes des Sokrates dargelegt. (übrigens: es zählt wahrscheinlich neben der Erzählung vom Tod Jesu in den Evangelien zu den bedeutendsten Erzählungen vom Sterben „großer Männer“).

4.2 Der Tod des Sokrates als Beispiel

Paraphrase:

Sokrates: Wanderphilosoph in Athen; angeklagt und (zu Unrecht!) zum Tode verurteilt wegen Verführung des Jugend, Nichtglauben an die staatlichen Götter und Einführung neuer Götter)

Tod durch den Giftbecher

Seine Getreuen sind um ihn

Frauen schickt er weg - wie sich später herausstellt, weil er glaubt, sie „flennen“ zu sehr

Seine Freunde wollen seinen Tod so weit als möglich hinauszögern. Er soll nicht vor Sonnenuntergang den Giftbecher trinken.

Sokrates lässt ihn sich bringen, lässt sich in aller Ruhe die Wirkung erklären (zunächst Lähmung der Füße und Schenkel, dann über den Oberkörper bis hinauf ins Herz!)

Er sagt: „Dadurch, dass ich ein wenig später trinke, glaube ich weiter nichts zu gewinnen, als dass ich mich vor mir selber lächerlich mache“.

Und so reichte der Diener „dem Sokrates des Becher. Und der nahm ihn, und zwar ganz heiter, ohne zu zittern noch die Farbe oder zu Gesichtszüge zu verändern“.

Die Freunde können jetzt nicht mehr an sich halten und fangen an zu klagen und zu weinen. Sokrates weist sie zurecht.

Als das Gift seine Wirkung tut, legt er sich hin und spricht zu seinem Freund Kriton die letzten Worte:

„Kriton, wir schulden dem Asklepios einen Hahn. Opfert ihm den und versäumt es nicht!“

Asklepios ist der Gott der Heilkunst. In Epidauros war sein Heiligtum. Durch Träume und nächtliche Schlangen heilte er die Kranken, die ins Heiligtum kamen und dort übernachteten.

Diesem „Gesundheitsgott“ soll Kriton nach dem letzten Willen des Sokrates opfern.

Das heißt: Sterben ist für ihn ein Gesundwerden, ein Heilwerden.

Sterben ist etwas Schönes!

4.3 Auswirkung auf die Gestaltung des irdischen Lebens

Das sagt natürlich auch einiges über die Sicht und die Gestaltung des irdischen Lebens aus. Ist das Sterben ein Gesundwerden, so ist offensichtlich das irdisch Leben eine Krankheit. Ursache dieser „Krankheit“ ist der Körper, der Leib, der die Seele an der Verwirklichung des Schöne, Guten und Wahren hindert, das sie vollständig und rein nur im Reich der Ideen haben kann. Alles Irdische ist daher nur Schein, eigentlich unwirklich, ein „Irrtum“ und deshalb auch unwichtig. Der Körper, mit dem wir uns im Tanz elegant fortbewegen oder im Sport und bei der Arbeit Hochleistungen vollbringen ist ein Übel. Ebenso all‘ das, was das Auge und die anderen Sinne erfreut, die Natur, der Duft der Blumen sowie Erotik und Sexualität, die Platon „die wilde Liebe“ nennt - im Gegensatz zu der nach ihm benannten „platonischen Liebe“ .

Mit einem griechischen Wortspiel fasst Platon dies zusammen: SOMA ist SEMA. SOMA, der Körper, ist SEMA, ein Gefängnis, eine Todesgruft.

Leibfeindlichkeit kennzeichnet diese Haltung. Das irdische Leben ist nur eine vorübergehende Durchgangsstation auf dem Weg zum wahren Leben im göttlichen, himmlischen Reich.

 

Nun: Vielleicht mag Ihnen manches von diesen Aussagen geläufig sein, ja sogar so vorkommen, als hätten sie es in ähnlicher Weise auch schon in Predigten oder Andachten der Kirche gehört.

4.4 Die Wirkungsgeschichte in der Kirchengeschichte bis heute

In Laufe der Kirchengeschichte hat sich in der Tat diese platonische Position so stark mit der christlichen verbunden, dass sie kaum mehr auseinanderzuhalten waren. Es entstand eine Verbindung von platonischer Denkweise und der christlichen Vorstellung vom ewigen Leben. Nicht selten wurde die christliche Vorstellung vom ewigen Leben mit dieser platonische Vorstellung ins eins gesetzt, nur dass die Seele eben nicht ins göttliche Reich der Ideen, sondern in den Himmel, ins Paradies oder in Gottes Reich kam.

So kam es, dass man früher z.B. in Orten auf der Alb nach dem Eintritt des Todes eines Menschen - der ja in aller Regel zu Hause starb - das Fenster im Zimmer geöffnet hat, nicht aus hygienischen Gründen, sondern damit die Seele in den Himmel entweichen konnte.

Das einzige und wichtigste Ziel für einen Christen ist nach dieser Vorstellung sein „Seelenheil“, in den Himmel zu gelangen. Alles Irdische hat sich dem unterzuordnen. Wahres Leben gibt es nur im Himmel. Die Erde ist „ein Jammertal“.[1] Und alles, was schön war, Spaß machte, und Lust bereitet, Rauchen, Wein trinken, ein gutes Essen genießen, verantwortete Sexualität - all‘ das ist für die Seele schädlich, gilt als Sünde. Dieses galt es zu meiden.

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern, mit welchem Ernst ihnen dies eingeschärft wurde.

Erst in den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich da auch unter Glaubenden einiges gewandelt: „Ich glaube dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mit Leib und Seele gegeben hat und noch erhält“ Dass Gott als Schöpfer uns unseren Körper und leibliche Freuden der Schöpfung zum Betrachten und zum Genuß gegeben hat, ist m.E. zu Recht wieder ins Bewusstsein der Theologie und der Christen getreten.

Der Mensch ist eben Leib und Seele und darf nicht auf die Seele reduziert werden.[2]

Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse , insbesondere die Rede von psychosomatischen Krankheiten, betonen dies überdeutlich und auch der Bibel ist eine Trennung oder Unterteilung des Menschen in Leib und Seele oder gar Leib, Seele Geist fremd.

 

5 Die christliche Hoffnung auf die Auferstehung der Toten bzw. der Auferstehung des Fleisches

5.1 Die Sicht des Menschen in der Bibel

Die Hebräische Bibel und das In der Hebräischen Bibel - dem Teil, den wir Christen von den Juden geerbt haben - sieht den Menschen immer als Ganzen. Dieser Mensch wird nicht in „Einzelteile“ zerlegt, sondern erlebt sich als Ganzer in einer Geschichte, insbesondere einer Geschichte mit Gott, der Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, einen Bund mit seinem Volk geschlossen und ihm seine Verheißungen gegeben hat. Davon kann nicht in Begriffen gesprochen, sondern nur erzählt werden - die Bibel ist deshalb voll von Erzählungen und nicht eine logisch-philosophische Abhandlung, die eine Sache logisch-vernünftig analysiert. „Das hebräische Denken fragt nicht nach dem Wesen und den Bestandteilen einer Sache, sondern nach ihrem Werden und Wirken.“ Immer ist das irdische Leben und Wirken wichtig.[3] Die Urväter Abraham, Isaak, Jakob erhielten konkrete Lebens- versprechungen - große Nachkommenschaft, ein neues Land, in dem sie leben konnten. Und wenn bis zum heutigen Tag der Segen von Gott erbeten und von Gott zugesprochen wird, so beinhaltet dies in erster Linie ein gutes und zufriedenstellendes, eben ein gesegnetes irdisches Leben, das einem Mensch mit Leib und Seele zukommen soll. Am Ende von Ps 121 heißt es: „Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“

An den Tod ist dabei noch gar nicht gedacht.

5.2 Weiterleben nach dem Tod in der Hebräischen Bibel

Da für die Menschen in der  hebräischen Bibel das irdische Leben sehr wichtig ist und das Diesseits Thema der Erzählungen von der Glaubensgeschichte mit Gott ist, haben sie über Jahrhunderte hinweg keinen Glauben an ein Weiterleben des Menschen nach dem Tod gekannt. „Die Toten werden nicht leben, die Verstorbenen stehen nie wieder auf ...; jede Erinnerung an sie hast du getilgt“ - heißt es in Jes 26,14. Die Toten kommen ins Totenreich, die Scheol. Und dort sind sie von allem Lebenden, und damit auch von Gott geschieden. „Im Tode gedenkt man deiner nicht. Wer wird dir bei den Toten danken?“ fragt deshalb der Beter des Ps 6 verzweifelt. [4] „Der Tod bedeutete nicht nur das Ende aller Gemeinschaft mit den Lebenden, sondern vor allem die totale Trennung von Gott. Das - und nicht das biologische Lebensende als solches - machte den Tod auch so beklagenswert.“ (S. Pemsel-Maier).

„Das bedeutete freilich keineswegs, dass es in Israel nicht auch eine Hoffnung über den Tod hinaus gegeben hätte. Nur richtete sie sich ... nicht auf das individuelle Weiterleben. Entscheidend war vielmehr das Fortleben in den Nachkommen ... und vor allem der Bestand der Gemeinschaft, der Gott auch in Zukunft Schutz und Heil zukommen lassen sollte.“

Erst in den jüngsten Schriftstellen des Alten Testament ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert wird der Tod mit Gott in Verbindung gebracht.[5] Wenn Gott wirklich Gott ist, dann kann der Tod kein Bereich sein, der nicht seiner Herrschaft und Macht unterstellt ist. „Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da!“ - heißt es dann in Ps 139, 8. Dann ist auch die Alternative zwischen irdischen gesegnetem Leben in der Gottesgemeinschaft und Schattendasein im Totenreich in der Todesferne nicht mehr zwingend. Die Verbundenheit mit Gott besteht dank dessen Lebensmacht über den Tod hinaus: „Dennoch bleibe ich stets  bei dir. denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an“ Ps 73,23f.

Wenn jedoch Gott alles in allem ist, kann die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod nicht nur auf den einzelnen beschränkt bleiben, sondern das ganze Volk Israel, ja die ganze Welt betreffen.  „Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Toten herausgeben.“ (Jes 26,19) „Und er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen“.

In verschiedenen Weisen und auch in jüdischen Schriften, die nicht in unserer Bibel stehen, war diese Hoffnung lebendig bis zur Zeit Jesu und darüber hinaus.

5.3 Auferstehung der Toten im Neuen Testament

5.3.1 Jesu Reich-Gottes-Botschaft und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten

Jesus selbst verkündigte das nahe herbeigekommene Reich Gottes. Nur an wenigen Stellen redet er von der Auferstehung oder vom ewigen Leben. Reich Gottes - Gottes neue Welt, eine Welt in der alle widergöttlichen Mächte überwunden sind und Gott den Menschen nahe ist - das war seine Kernbotschaft. Gewiss teilte er mit vielen seiner jüdischen Zeitgenossen die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Er lehnte jedoch alle Spekulationen über das „Wie“ der Auferstehung ab. Auf entsprechende Fragen der Sadduzäer - die ja bekanntermaßen nicht an die Auferstehung glauben - äußerte er nur: „Gott ist ein Gott der Lebenden und der Toten.“ Gott bleibt als Lebendiger auch über den Tod hinaus den Menschen verbunden. Diese Gemeinschaft mit ihm ist Leben.

Diese Reich-Gottes-Botschaft hat Jesus bis zum Tod am Kreuz durchgehalten. Und mit der Auferweckung Jesu von den Toten hat Gott Jesus selbst als Verkörperung dieser Botschaft bestätigt.

5.3.2Jesu Auferweckung von den Toten als Grundlage der christlichen Auferstehungshoffnung

Die Auferweckung Jesu von den Toten durch Gott ist also der Grund und der Angelpunkt der christlichen Auferstehungshoffnung. „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube vergeblich“ - mahnt Paulus Gemeindeglieder in Korinth, die die Auferstehung leugnen.

Es würde zu weit führen und benötigte mindestens einen weiteren Seminarabend, über die biblischen Erzählungen und den Sinn von Jesu Auferweckung am Ostersonntag zu sprechen und zu informieren.

Nur auf einen für unsere Themenstellung zentralen Aspekt möchte ich hinweisen. In allen Erzählungen von der Erscheinung des Auferstandenen vor seinen Jüngern wird stets an der „Leiblichkeit des Auferstandenen“ festgehalten. Diese wird nicht im Sinne einer biologisch verstandenen „Neubelebung oder Neudurchblutung eines Leichnams“ verstanden. Zentral sind seine Wundmale, er erscheint in „menschlicher Gestalt“, er wird erkennbar an seiner Anrede an Maria Magdalena oder am Brotbrechen mit den Emmausjüngern! Er ist und bleibt mit Leib und Seele derselbe, der er irdisch war.

Jesu Leib gehört zu seiner neuen Wirklichkeit bei Gott! Er ist auch nach seiner Auferstehung eben „wahrer Mensch mit Leib und Seele - und wahrer Gott!“

5.3.3 Die zentralen Aussagen des Apostels Paulus zur Auferstehungshoffnung der Christen

Was dies für die Christen und die Beantwortung der Frage „Was kommt nach dem Tod?“ bedeutet, hat der Apostel Paulus vor allem im 1. Korintherbrief in Kapitel 15 entfaltet. In der Gemeinde in Korinth gab es offensichtlich Christen, die behaupteten: „Es gibt keine Auferstehung der Toten“. Sie weist er auf Jesu Auferstehung als unumstößliche Grundlage des christlichen Glaubens hin und versucht dann eine Antwort auf die Frage „: Wie werden die Toten auferstehen?“

5.3.3.11. Korinther 15

  • Vorlesen (ev. Teilnehmer)
  • Kurzes Gespräch:
  • Wie stellt sich Paulus die Auferstehung vor?
  • Welche Bilder gebraucht er?
  • Fortsetzung Vortrag mit Interpretation

Klar ist Paulus von vornherein:

Der Leib gehört zur Auferstehung hinzu! Es kommt nicht nur eine „nackte Seele“ in den Genuss der ewigen Gottesgemeinschaft.

Gut alttestamentlich hält er damit an der Einheit des Menschen mit Leib und Seele fest. Und er hat die „Leiblichkeit des auferstandenen Jesus“ auch nicht aus den Augen verloren!

Und dies obwohl solch‘ eine Vorstellung von der Auferweckung des Leibes bzw. des Fleisches für viele Menschen widersinnig ist, weil sie es sich einfach nicht vorstellen können.

Deshalb muss er nicht mehr nur logisch, sonder mit Bildern argumentieren.

Wie es viele Arten von Pflanzen und  Himmelskörpern gibt, so gibt es auch verschieden Arten von „Leibern“ von „Körpern“ - einen natürlichen, vergänglichen, der im Tod verwest, aber auch einen „geistlichen Leib“, „vom Geist Gottes beseelten Leib“.

So wie Gott den natürlichen Leib des Menschen (für sein irdisches Leben)  geschaffen hat, so wird er auch den „geistlichen Leib“ (für sein himmlisches Leben) in der Auferstehung neu schaffen. Auferstehung der Toten ist also wie bei Jesus selbst ein „neuer Schöpfungsakt“ Gottes. Dabei bleibt die Identität des Menschen, die ihn zu seinen Lebzeiten auszeichnete, also seine Lebensgeschichte, erhalten.

Im Evangelischen Erwachsenenkatechismus (s. Text im Reader) wird dies begrifflich so entfaltet:

Einerseits: „Auferstehung ist nicht Wiederbelebung eines Toten, sondern radikale Verwandlung. Zwischen dem irdischen und dem neuen Leben besteht ein Bruch. (Diskontinuität)

Andererseits: „Es ist derselbe Mensch, dem Tod und Auferstehung widerfahren. die Identität der Person bleibt. Somit besteht zwischen dem irdischen und dem neuen Leben ein Zusammenhang (Kontinuität). Dieser Zusammenhang bezieht sich auf den ganzen Menschen in seiner Leiblichkeit, nicht nur auf die Seele.“

Paulus macht es am Samenkorn deutlich. In ihm ist die ganze Pflanze. Es zerfällt oder wird anders, wenn es sproßt und zum Halm und zur Blume wird.

 

bei Bedarf:

Interpretation des Auferstehungsfensters von J. Schreiter in der Melanchthon-Kirche Mannheim

Die Lebenslinie geht weiter

Das Grab ist zerbrochen. Die Identität ist gewahrt.

Es sieht so aus, als erwüchse aus dem Weizenkorn ein Halm!

Jedenfalls: Die Verbindung zwischen irdischem und ewigem ist da! Kein Bruch, kein „Ausbruch“ oder gar Abbruch!

zum U-Motiv: eine Art Klammer: Herzuleiten vom Bild der Hand, daher: Geben und Nehmen, Kommunikation (Sender u. Empfänger)

andererseits als pars pro toto: für den ganzen Menschen[6]

5.3.3.2 2. Kor 5

Auch hier hält Paulus an der Einheit des Menschen in Leib und Seele über den Tod hinaus fest. In anderen Bildern spricht er auch hier z.B. vom „unvergänglichen Körper“ .

Er macht jedoch eine weitere Aussage, die erklärt, warum er von der „Auferstehung des Fleisches“ spricht.

„Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat zu Lebzeiten, es sei gut oder böse“.

Manche bekommen es bei dieser Aussage mit der Angst zu tun. Und doch kann man dies auch als ermutigendes Ereignis verstehen. Das griechische Wort für Gericht heißt „Krisis“ und bedeutet eigentlich „Unterscheidung“. Es wird also offen und deutlich unterschieden zwischen den Taten, die vor Jesus recht waren, und den Untaten, die in seinen Augen Unrecht waren.

Kritik schmerzt. Das wissen wir alle. Aber sie kann ja auch hilfreich sein - hilfreich, wenn wir einsehen, dass wir andere geschädigt haben. Diese kommen so zu ihrem Recht.

Hätten nicht all‘ die Gewaltherrscher und Verbrecher in der Menschheitsgeschichte mit den Milliarden Menschen auf ihrem Gewissen recht, wenn es kein Gericht gäbe?

Wie es nach dem Gericht ausgeht, ist in der christlichen Kirche umstritten. Geläufig ist der sog. „doppelte Ausgang“, d.h. dass die einen in den Himmel, die anderen in die Hölle kommen werden.

Andererseits gibt es auch die Hoffnung, dass „Gott am Ende alles in allem sein wird“ (1. Kor 15,28) oder dass Gott „alle in den Ungehorsam eingeschlossen hat, damit er sich aller erbarme“ (Röm 11, 32).

Darüber müsste man auch an einem Seminarabend sprechen und es vertiefen.

Entscheidend ist die „Auferstehung des Fleisches“ und die Auswirkungen, die dies auf die Gestaltung des irdischen Lebens hat. Klar dürfte sein, dass es nach den gemachten Ausführungen eben für einen Christen nicht darum gehen kann, sich irdisch irgendwie sein „Seelenheil“ zu erwerben - sei es durch Werke oder Glauben! - oder einfach auf ein Seelenheil hinzuarbeiten.

 

Ich denke, die Hoffnung auf die Auferstehung des Fleisches könnte folgende Schlaglichter auf die Gestaltung des irdischen Lebens werfen:

5.4 Auswirkung auf die Gestaltung des irdischen Lebens

  1. Das irdische Leben ist unendlich wertvoll. Es kann und darf gelebt werden.
  1. Das betrifft auch die leiblichen „Güter“ und „Genüsse“ und auch die Sexualität. Nur übernimmt sich, wer aus sich ein kleines „Herrgöttle“ machen und sein endliches, sterbliches Wesen „unsterblich“ machen will!
  1. Verantwortung für das eigenes Leben, die Liebe, Friede und Gerechtigkeit mit anderen sucht (vgl. Jesus!) ist Ziel und Zweck des Lebens. Deshalb darf und kann die Aussage über das jüngste Gericht nicht fehlen! Das Gericht gibt den Opfern ihrem Wert und nennt Unrecht eindeutig Unrecht!
  1. Schließlich: Die Vollendung in Gottes Reich, in dem - anders als bei B. Brecht am Anfang beschrieben - mehr bereit steht, nämlich ein volles, erfülltes Leben ohne Leid und Schmerz - kann helfen das Leben auch mit seinen Widrigkeiten und vielen unerklärlichen Ereignissen zu bewältigen. Denn die Hoffnung darauf macht nicht passiv, sondern schenkt Kraft zum Weitermachen, zum Aushalten und Durchhalten, ja zum Kämpfen gegen all‘ das, was lebensfeindlich und gottwidrig ist.

 

 

Wie man sich diese Auferstehung der Toten bzw. des Fleisches vorstellen kann, ist nur bildlich und poetisch zu beschreiben und zu besingen

In zwei Gedichten habe ich dies gut ausgedrückt gefunden. Ich möchte sie als 

5.5 Auferstehung der Toten - eine poetische Annäherung

Vorlesen der Gedichte von M.L. Kaschnitz und G. Hildebrand